Dirk Brennecke im Interview: "Wir brauchen einen anderen Umgang miteinander"

Dirk Brennecke (54), seit 2011 Geschäftsführer des FVM, will im Jubiläumsjahr des Frauenfußballs die Arbeit in den Vereinen stärken. Für einen fairen Umgang auf dem Platz sollen ein intensiver Austausch und neue Lösungsansätze sorgen. Hiehr geht es zum Interview.

Dirk Brennecke im Interview: "Wir brauchen einen anderen Umgang miteinander"

Herr Brennecke, in diesem Jahr steht ein besonderes Jubiläum an: Vor 50 Jahren hob der DFB auf seinem Verbandstag in Travemünde das Frauenfußballverbot wieder auf. Wird die Entwicklung in diesem Bereich im vergangenen halben Jahrhundert auch im FVM gewürdigt?
Ja, auf jeden Fall. Derzeit befinden wir uns in Gesprächen mit dem WDFV und dem DFB, um die Planungen final abzustimmen. Ein Leuchtturmprojekt wird zweifellos das DFB-Pokalfinale der Frauen in Köln am 30. Mai sein. Es gilt herauszustellen, was erreicht worden ist und welche Vielfalt es im Frauenfußball mittlerweile gibt. Sowohl in der Spitze, als auch in der Breite hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Vor allem die Gewinnung und Förderung von Frauen im Ehrenamt und als Trainerinnen rückt immer mehr in den Fokus. Diesen Weg wollen wir natürlich weiter fortsetzen und vor allem auf Vereinsebene etwas erreichen. Wir haben daher ein Mentoring-Programm aufgelegt. Unsere Mentoren werden dabei jenen Coaches mit Rat und Tat zur Seite stehen, die sich in den Klubs um die Mädchenteams kümmern. Wenn wir die Attraktivität des Mädchenfußballs stärken wollen, geht das nur mit qualifizierten Trainerinnen und Trainern. Wir müssen also raus an die Basis. Dass dort Interesse vorhanden ist, zeigt die große Resonanz auf den DFB-Junior-Coach-Lehrgang unter dem Titel „Only Girls“, bei dem Spielerinnen zwischen 15 und 18 Jahren in einem einwöchigen Lehrgang zu Jugendtrainerinnen ausgebildet werden. Zusätzlich bieten wir erstmals einen Trainer-C-Lizenz-Lehrgang nur für Frauen an, um diese zum Einstieg in den Trainerbereich zu motivieren.

Auf welche weiteren sportlichen Highlights können sich die Fußballspieler und -anhänger am Mittelrhein in den kommenden Monaten freuen?
Mit dem Bitburger-Pokalfinale, den Pokalendspielen der Junioren und dem Pokalfinaltag der Frauen und Juniorinnen sind die klassischen Highlights im Mai und Juni fix. Möglicherweise absolviert auch die Nationalelf im Herbst ein Länderspiel in Köln, das wäre ein weiteres Topereignis. Wichtig ist aber vor allem, im Kinderfußball Veränderungen voranzubringen. Dabei steht die Freude der kleinen Kicker im Vordergrund aller Bemühungen. Wir sorgen also gewissermaßen für viele kleine Highlights, wenn wir neue Spielformen anbieten, beispielsweise Begegnungen im Format Drei-gegen-Drei auf vier Minitore austragen lassen. Dann sind alle Kinder eines Teams involviert und alle haben Erfolgserlebnisse. Die Pilotprojekte stießen auf sehr positive Resonanz. Klar ist aber auch, dass es eine Herausforderung wird, mit gewohnten Wettkampfformen zu brechen und die Verantwortlichen dafür zu begeistern, Neuland zu betreten. Aber wir sind davon überzeugt, dass wir damit die jungen Kicker länger im Fußball halten können, denn sie spielen und sitzen nicht auf der Bank.

Das Endspiel im Bitburger-Pokal hat in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch die Einbindung in den Finaltag der Amateure enorm an Bedeutung gewonnen. Das jüngste 3:1 von Alemannia Aachen gegen Fortuna Köln sahen 6645 Zuschauer. Ist damit das Ende der Fahnenstange erreicht?
Quantitativ haben wir sicherlich schon eine beeindruckende Dimension erreicht. Wir wollen daher qualitativ weiter zulegen. Der Sportpark Nord muss attraktiver werden, da sind wir uns mit der Stadt Bonn einig. Außerdem werden wir an vielen kleinen Stellschrauben drehen, um den Besuchern in Sachen Ticketing und Aufenthaltsqualität mehr zu bieten. Es gilt zudem, das Ereignis nachhaltiger zu gestalten, indem man Müll reduziert und die Anreise mit dem ÖPNV attraktiver macht.

Ein weniger erfreuliches Thema, das zuletzt großen Widerhall in den Medien fand, ist die Gewalt auf dem Platz und das schlechte Verhalten mancher Spieler, Trainer und Zuschauer. Was tut der FVM, um für ein sportlich faires Miteinander zu sorgen?
Ganz klar, wir reden hier über ein gesellschaftliches Problem und wir als FVM dürfen uns da nicht wegducken, sondern müssen aktiv handeln. Wir sind daher an Runden Tischen in den Kreisen mit allen Beteiligten zusammengekommen, um uns ein noch genaueres Bild von den Schwierigkeiten zu verschaffen. Schiedsrichter, Spieler, Trainer, Kreisvorstände – uns interessiert jede Perspektive auf den Fußball und das Geschehen auf und neben dem Platz. Klar ist, wir brauchen einen anderen Umgang miteinander, Verständnis für die Sichtweise des anderen und letztlich einen Sinneswandel. Schiedsrichter und gegnerische Teams müssen künftig als Spielpartner betrachtet werden, ohne die es nicht geht. Emotionen sind gut, Beleidigungen und Aggressionen sind es nicht. Wir können diesen Wandel nicht alleine initiieren, aber wir können die Beteiligten stärker machen, ihnen durch Schulungen das nötige Rüstzeug mitgeben, damit sie schwierige Situationen meistern und deeskalierend auf die übrigen Personen einwirken können. Wir müssen auch hinterfragen, ob Strafen und Sperren immer der richtige Weg sind. Mit einem gemeinsamen Aufarbeiten problematischer Situationen und einem Coaching auffälliger Mannschaften kann in einigen Fällen langfristig eine größere Wirkung erzielt werden. Klar ist: Sanktionen müssen dort verhängt werden, wo Unbelehrbare Grenzen überschreiten. Da müssen wir von unseren rechtlichen Möglichkeiten konsequent Gebrauch machen. Unser Ziel ist es aber, Gewalt schon im Vorfeld zu verhindern und zurückzukommen zu einem fairen Umgang miteinander auf dem Platz. Dafür haben wir beispielsweise auch die Kampagne #gemeinsamfussball zur Rückrunde erneut gestartet.

Im vergangenen Jahr hat Bernd Neuendorf das Amt des FVM-Präsidenten angetreten. Welche Akzente konnte er schon setzen?
Er sorgt für neue Impulse, indem er die Dinge auf seine Weise und damit anders angeht. Wir haben neue Perspektiven gewonnen, die uns gut tun. Er hat ein sehr gutes Gespür für die brennend aktuellen Themen und bringt diese dann auch zügig zu positiven Ergebnissen, indem er sich persönlich aktiv einbringt. Die Runden Tische hat er beispielsweise alle selbst moderiert, um damit auch die Wichtigkeit zu betonen. Auch bei der Diskussion um den Aufstieg zur Bezirksliga im vergangenen Sommer hat er im richtigen Moment eingegriffen und die Beteiligten an einen Tisch geholt. Vieles ist neu, aber es macht auch richtig Spaß.

In vier Jahren findet die Europameisterschaft in Deutschland statt. Was bedeutet dieses Großereignis für die Arbeit im FVM?  
Momentan machen wir uns zusammen mit der Landesregierung Gedanken darüber, wie wir die Sportschule Hennef so ertüchtigen können, dass sie ein attraktives EM-Quartier für eine beteiligte Nationalmannschaft darstellt. Zudem befinden wir uns im Austausch mit dem DFB. Denn es gilt, sich auf den Boom vorzubereiten, für den so ein Ereignis in den Fußballvereinen sorgen dürfte. Wir müssen die Vereine stärken, damit sie mit dem Zulauf zurechtkommen und unser Sport langfristig von der EM im eigenen Land profitiert. Deshalb werden wir bundesweit den Masterplan fortführen, der sich in den letzten sechs Jahren bewährt hat. Die Vorbereitungen am Spielort Köln laufen wohl nach der EURO 2020 so richtig an.

Was erwarten Sie sonst noch vom Jahr 2020?
Wir wünschen uns eine positive Ruhe, also packende, aber faire Spiele in Liga und Pokal ohne unschöne Ereignisse. 2018 haben wir ein Projekt zur Verbandsentwicklung gestartet, um unsere Aufgaben und Zuständigkeiten zu prüfen. Mir liegt es sehr am Herzen, dieses Projekt jetzt zeitnah abzuschließen und dann mit Elan an die Umsetzung der Ergebnisse zu gehen. Wir wollen weiterhin in allen Bereichen ein guter Partner für unsere Vereine sein. Wenn uns das gelingt, können wir an Silvester sagen, dass 2020 ein gutes Jahr war.

Das Interview führte Wolfram Kämpf

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